Der Scheiß, über den ich mich nicht trau(t)e zu schreiben

(Triggerwarnung) Eigentlich müsste ich tot sein. Ich sollte gar nicht mehr hier sein. Vor etwa 10 Jahren wäre ich fast von einer Brücke gesprungen. An einem trostlosen Wintertag. Doch stattdessen ging ich in die Klapse. Wies mich selbst ein, wegen akuter Selbstmordgefahr. Doch ich bin noch da. Ich habe überlebt. Und ich bin glücklicher und gesünder, als jemals zuvor. Heute feier ich meinen 38. Geburtstag. Das hätte ich mir selbst vor 10 Jahren niemals geglaubt. Erst recht nicht, dass ich jemals wieder ohne diese permanente Angst leben würde. Hier meine ehrliche Geschichte über Angstzustände, Panikattacken, Depressionen, Selbstmordphantasien, Selbstzerstörung, Betrug, jede Menge Alkohol und Drogen. Und was mir aus diesem Sumpf heraus geholfen hat und was Yoga damit zu tun hat.

Schreib über den Scheiß, über den sonst keiner schreibt! Diese Idee habe ich von Maris Degener geklaut, die mit ihrer Netflix-Doku „I am Maris“ über die Social Media Welt hinausbekannt geworden ist. Die jetzt 20-Jährige hatte mit einem Blogbeitrag, wo sie über ihre Essstörung und ihre psychischen Probleme ganz ehrlich berichtet hat, einen viralen Hit gelandet. Dabei war sie nur einfach scheiße ehrlich und hat sich nicht weiter hinter der schönen Yogi-Instagram Fassade versteckt, bei der wir alle gesunde, schöne und erfolgreiche Menschen sind, die den ganzen Tag beseelt im Kopfstand vor sich hinlächeln. Denn so ist es nicht.

Meine Story

Vor etwas mehr als 10 Jahren war ich in einer glücklichen Beziehung und studierte an einer guten Hochschule Archäologie. Ich arbeitete nebenher in einer Kneipe, trank und feierte viel und Kiffen gehörte zu meinem täglichen Leben dazu. Doch irgendwie fand ich mein Leben oft sehr trostlos und hatte das Gefühl, mich gar nicht selbst wirklich zu spüren. Stattdessen tat ich mir weh, um mich zu spüren. Weniger körperlich, dafür aber seelisch. Ich baute Scheiße, log das sich die Balken bogen und betrog meinen damaligen Freund mehrmals mit einem anderen Typ.

Darauf kroch die Angst in mir hoch: Was ist, wenn er das rausfindet? Was, wenn er merkt, dass ich mit jemanden anderen Sex hatte? Wenn er sich dann trennt? Oh Gott, ich konnte an kaum etwas anderes denken. Und gleichzeitig fühlte ich mich schuldig. Diese permanente, unterschwellige Angst kroch immer höher und ich fühlte mich nach und nach immer merkwürdiger. Ich dachte an Gehirntumore und wünschte mir, ich würde mich wieder normal fühlen. Es ist ziemlich schwierig dieses Gefühl zu beschreiben, aber es war einfach die Hölle. Eine Mischung aus Depressionen und Angstzuständen, die dir die Lust am Leben komplett raubt und du dich nur noch von dir selbst und allem anderen entfremdest. Ich hasste mich selbst. Ich konnte niemandem erklären wie es sich anfühlte und ich fühlte mich, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt, der sich so fühlt. Vollkommen allein. Und dann kam die erste Panikattacke, sie kroch plötzlich in mir hoch und ich wusste überhaupt nicht was mit mir los war. Vielleicht ein Herzinfarkt? Ich hatte grade an einem Joint gezogen, aber ich wollte nicht mehr breit sein, ich wollte endlich wieder normal sein! Mich klar fühlen, so wie früher. Stattdessen war mir ständig den ganzen Tag über schwindelig, mein Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Holzwolle ausgestopft und vor allem gehorchte mir mein Kopf nicht. Er dachte sich ständig neue Dinge aus, mit denen er mir Angst machte!

Ich konnte in keine Kneipe oder Konzert mehr gehen, ohne mir vorher Mut anzutrinken. Denn nur wenn ich betrunken war, fühlte ich mich okay, dann war ich zwar betrunken, aber das Gefühl kannte ich und es war sehr viel sicherer, als nüchtern darauf zu warten, dass mir wieder schwindelig oder heiß und kalt gleichzeitig wird und mein Herz bis zum Bersten hoch in meinen Hals klopft. Zum Glück konnte ich beim Arbeiten immer trinken. Ein großer Vorteil, wenn man in einer Kneipe arbeitet, haha. Doch das Unvermeidliche passierte und mein Freund fand heraus, dass ich ihn betrogen hatte. Ab jetzt ging es nur noch bergab… Nach der Trennung konnte ich nur noch Heulen und Heulen und Heulen und ich fühlte mich so schuldig und unendlich scheiße, dass ich schließlich nicht mehr leben wollte. Ich hatte dem Typ, dem ich mein Herz geschenkt hatte, auf die übelste Weise betrogen, weil ich in meinem Kopf nicht mit mir selbst klargekommen bin und mir irgendwie weh tun musste. Und die Spirale zog sich immer enger. In der Klapse blieb ich dann jedoch nur eine Nacht. Die Ärzte redeten mir ein ich hätte eine Borderline-Störung und ich solle dort bleiben. Aber ich hatte in dieser Nacht einen erleuchtenden Gedanken gehabt: „Wenn ICH mich hier hinein katapultiert hatte, durch meine Gedanken, dann kann auch nur ICH diese Gedanken ändern und mich wieder hinausmanövrieren“. Also scheiß auf die Ärzte und die Klapse!

Dieser Blitzgedanke war aber nur der Anfang einer sehr langen Genesung, in der ich vieles ausprobierte und trotzdem nie eine komplette Therapie gemacht habe. Denn alles was mir die Therapeuten und Ärzte erzählten, wusste ich schon. Ich las eine Menge Bücher und Selbsthilfebücher. Daraus habe ich mein ganzes laienhaftes Wissen, mit der ich mich am Ende selbst aus der Scheiße herausgezogen habe. Ein Arsenal an Tipps, Tricks und Selbstreflexion, die ich mir aneignete (Trotzdem rate ich jedem, erstmal zu einem Therapeuten zu gehen). Es folgten Jahre voller Ups and Downs. Ich zog nach Berlin und hielt mich mit Kneipenjobs und sehr viel Feierei über Wasser.

U-Bahn fahren war einfach die Hölle für mich, ich hatte Angst, dass der Tunnel über mir zusammenbricht. Im Auto hatte ich Angst, dass mir jemand reinfährt oder die Brücke, über die ich fahre, zusammenbricht. In Konzerträumen hatte ich Angst, dass die laute Musik die Wände zum Einsturz bringt. Ich hatte Angst, dass mir etwas Schlimmes passiert. Ich hatte Angst, dass mich niemand mag. Ich hatte Angst, weil ich mich komplett alleine fühlte. Ich hatte Angst davor, mich nie wieder normal zu fühlen. Ich machte mir ständig Gedanken darum, was die anderen um mich herum von mir hielten. Ich war so hoffnungslos traurig und sah keine Dinge mehr, die mich erfreuten. Ich lag bis mittags oder abends im Bett und wollte nicht aufstehen. Alles war so schwer und anstregend… Jeder neuer Tag, der vor mir lag, hielt nur negative Sachen für mich bereit. Dinge, worauf ich keine Lust hatte, keine Kraft und bei allem, was ich tat, fühlte ich mich unsicher, ob das was ich tat, denn genug war. Meine Gedanken hatten mich unter Kontrolle, kleine miese Monster in meinem Kopf erzählten mir den ganzen Tag wie scheiße ich doch war, wie dumm, unzulänglich, hässlich, laut, anstrengend, langweilig, unsicher, fett und uncool ich doch wäre. Wie das alles doch gar keinen Sinn mehr machte. Wenn mich doch eh niemand liebt und mag, wie ich bin, was soll ich dann noch hier? Zukunft? Nur Grauen. Dunkelheit, Angst, Tod. Wozu dann noch warten?

In den normalsten Situationen bekam ich Angstzustände und Panikattacken und lenkte mich dann mit Handyspielen oder dem Zählen von Dingen in einem Raum ab. Ablenkung half! Es hilft mir auch heute noch, denn ein schlechter Beifahrer bin ich immer noch und in Flugzeugen bekomme ich noch immer regelmäßig Heulkrämpfe und Panikattacken. (Es ist doch einfach nicht normal, dass diese tonnenschweren Dinger durch den Himmel fliegen 😀 )

Ich nahm ein paar Jahre lang ein leichtes Antidepressivum. Meist sehr viel weniger, als auf der Packung stand, denn ich wollte mich nicht dazu bekennen, dass ich depressiv war. Doch hat es mir geholfen, mich manchmal wieder normal zu fühlen. Ohne dass ich Besoffen oder Druff war.

Schreiben half auch. Alles, was mir so in den Sinn kam, schrieb ich auf. Und die Gedanken, die einmal auf dem Papier oder auf dem PC waren, belasteten mich gleich viel weniger. Ich konnte sie loslassen, denn wenn ich sie nochmal bräuchte, dann könnte ich sie ja einfach wieder lesen.

Schließlich Yoga. Damit habe ich vor circa 15 Jahren angefangen. Bin aber nach der schlimmen Trennung nicht mehr zu meinem wöchentlichen Kurs gegangen. Erst in Berlin meldete ich mich wieder bei einem Kurs an, diesmal Ashtanga. Vorher kannte ich nur Hatha Yoga und Kundalini. Da es mir immer sehr viel Spaß gemacht hatte und ich von Natur aus sehr flexibel bin, fühlte ich mich im Yoga immer sehr gut. Es war etwas, was ich konnte! Und das Beschäftigen mit meinem Körper, seinen Möglichkeiten und Begrenzungen half mir mega gut aus meinen Gedankenspiralen rauszukommen. Dazu ist eigentlich jeder Sport gut, aber beim Yoga lernt man auch sich selbst und seine Gedanken zu beobachten. Das ist ein großer Teil davon. Ich fand den Weg zum Vinyasa, denn das Ashtanga war mir auf Dauer zu langweilig. Ich ging ab und zu zu Kursen und übte mehrmals die Woche zu Youtube-Videos zuhause. Ich lernte meinen Körper und meine Gedanken immer besser zu kontrollieren und konnte langsam erkennen, ab wann mein Kopf mir wieder negativen Unsinn erzählte und konnte immer besser dagegenhalten. Schließlich habe ICH ja diese Gedanken gemacht und ICH kann mir aussuchen, welche Gedanken ich mir mache!

Langsam fühlte ich mich wieder wie ich selbst. Nicht wie vor der Krankheit, wie ich es mir immer so sehnlichst gewünscht hatte. Nein. Viel besser, viel mehr ich SELBST, viel mehr bei mir angekommen, nicht mehr so im Außen und fremdgesteuert.

Wenn ich heute zurückblicke und an mich denke, wie es war und sich anfühlte, habe ich das Gefühl, dass das gar nicht ICH war, die da so lange gelitten hat. Wie als wären die 5 Jahre meiner Krankheit nie geschehen. Dabei war es verdammt wichtig, dass mir diese Scheiße passiert ist. Denn ohne diese Tiefpunkte in meinem Leben, wäre ich heute nicht der starke Mensch, der ich jetzt bin. Ich hätte immer noch kein Selbstvertrauen, ich wäre immer noch diejenige, die zu allem „Ja“ sagt, weil sie nirgendwo anecken will. Ich hätte niemals gelernt, dass das Leben wundervoll ist und wir die Schöpfer unserer eigenen Welt sind. Das kann man zwar überall lesen, aber ich musste es selbst durchmachen, bevor ich es wirklich verstehen konnte. Niemals könnte ich mich vor eine Gruppe Yoga-Schüler stellen und unterrichten, wenn ich nicht diesen Weg gegangen wäre. Erst durch die Ausbildung zur Lehrerin fügten sich die Puzzleteile zusammen, die es mir überhaupt ermöglichen anderen etwas beizubringen. Das, was mir damals geholfen hat und mich zu meinem authentischsten Selbst geführt hat, möchte ich weitergeben, an alle, die keine Hoffnung mehr haben oder am Leben verzweifeln. Denn ich glaube das können nur Menschen, die selber schonmal dort waren.

Es tut mir heute noch aufrichtig leid, dass ich vielen Menschen weh getan habe, aber diese Gedanken fressen mich nicht mehr auf. Ich konnte mir vergeben und damit habe ich auch gelernt anderen zu vergeben. Denn wir sind alle nicht perfekt! Und wir alle lernen jeden Tag dazu. Und mal ist ein Tag scheiße und du willst niemals aus deinem Bett aufstehen und dann ist ein Tag wieder wunderbar und du freust dich deines Lebens. Das wichtigste ist, niemals die Hoffnung aufzugeben und darauf zu warten, dass jemand von außen kommt und dich rettet. Nein, der Prinz auf dem Einhorn wird niemals kommen! Aber du kannst dir deine innere Welt selbst gestalten – wenn du drauf stehst auch in Neonfarben. Die Welt ist nicht nur Schwarz! Glaub mir, ich war schon da.

Literaturtipps:

  • Das Monster, die Hoffnung und ich: Wie ich meine Depression besiegte von Sally Brampton
  • Depressionen überwinden für Dummies von Laura L. Smith
  • Angstfrei leben für Dummies von Charles H. Elliot
  • Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie für Dummies von Patrizia Collard
  • Mit Buddha die Trennung meistern von Petra Biehler

1 Kommentar zu „Der Scheiß, über den ich mich nicht trau(t)e zu schreiben

  1. da bin ich gerade drüber gestolpert nachdem ich zwei tage zuvor deinen Beitrag gelesen habe:
    https://podcasts.apple.com/de/podcast/warum-yoga-sich-so-gut-eignet-um-den-alkohol-zu-besiegen/id1480984985?i=1000461255476
    falls du diesen podcast oder diese folge noch nicht kennen solltest lohnt es sich auf jeden fall rein zu hören. sehr toll gemacht!

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